Evangelische Kirchen und Diakonie in Rheinland-Pfalz: Ja, wir sind ein Zufluchtsland

19. Dezember 2014

Rheinland-Pfalz erlebt den größten Zugang von hilfesuchenden Menschen seit den neunziger Jahren, als insbesondere die bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge Zuflucht bei uns suchten. Seit 2012 kommen verstärkt Menschen aus Nordafrika, dem Nahen und Mittleren Osten und dem Balkan zu uns, um Sicherheit vor Verfolgung und Schutz vor Diskriminierung, Gewalt und Krieg zu finden. Noch schwanken Gesellschaft und Politik zwischen Hilfsbereitschaft, Überforderung und Ablehnung.

Als Christinnen und Christen kennen wir die biblischen Wegweiser für den Umgang mit Fremden und mit Flüchtlingen. So heißt es im 3. Buch Mose (Kapitel 19, Vers 34): „Der Fremde soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer; und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“ Und im Matthäusevangelium (Kapitel 25) spricht Jesus Christus: „Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. … Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Im Wissen darum, dass die Hilfe für Notleidende und Schutzsuchende biblischer Auftrag und damit auch ein Herzstück christlicher Glaubenspraxis ist, die uns besonders fordert, plädieren wir als evangelische Kirchen in Rheinland-Pfalz und ihre Diakonie für eine Grundhaltung in unserem Land, die bekennt:

Ja, wir sind ein Zufluchtsland.

Dieses Ja beinhaltet:

1. Ja, es ist richtig und gut, dass wir Zuflucht bieten für Menschen, die aus Not und Gefahr zu uns kommen. Das entspricht der Geschichte und dem freiheitlichen Grundverständnis von Rheinland-Pfalz: Unser Bundesland ist prädestiniert dafür, ein sicherer Ort für Bedrängte zu sein.

2. Ja, wir sehen Flüchtlinge als Hoffnungsträger: als Menschen mit Fähigkeiten und dem Erfahrungsschatz anderer Kulturen, die das Leben in unserem Land bereichern und ihren Beitrag für die Gesellschaft von morgen, für einen ausgewogenen Altersaufbau und gegen den drohenden Fachkräftemangel leisten können.

3. Ja, wir nehmen die Herausforderung an, uns für die Aufnahme einer größeren Zahl von Schutzsuchenden bereit zu machen. Sie erfordert vorausschauendes Handeln und erhebliche Finanzmittel in vielen Bereichen – von den Kindertagesstätten bis zur Berufsausbildung, von der Gesundheitsversorgung bis zum Wohnungsmarkt. Diese Mittel sind zugleich Investitionen in die Zukunft unseres Landes.

4. Ja, alle müssen gemeinsam helfen. Um eine größere Zahl von Flüchtlingen aufzunehmen, braucht es das entschlossene Zusammenwirken aller Akteure: Staatliche und kommunale Stellen, Kirchen und Verbände, Wirtschaft und  Gewerkschaften, Initiativen und Vereine. Jeder Bereich kann und muss seinen Beitrag leisten.

5. Ja, es braucht ein Willkommen von Anfang an und die dafür nötigen Rahmenbedingungen. Die Integration von Flüchtlingen wird umso besser
gelingen, je früher die Unterstützung einsetzt: Menschenwürdige Unterbringung, gesundheitliche Versorgung, Beratung, Deutschkurse, Arbeitserlaubnisse, Ausbildungsmöglichkeiten, Anerkennung ausländischer Abschlüsse, private Wohnmöglichkeiten und Bewegungsfreiheit. Ziel muss es sein, dass Zuwanderer baldmöglichst für sich selber sorgen können

6. Ja, wir können diese Herausforderung meistern, so wie auch frühere Generationen die Flucht- und Zuwanderungsbewegungen in der jüngeren Vergangenheit unseres Landes bewältigt haben. Rheinland-Pfalz und seine zivilgesellschaftlichen Kräfte haben genügend Ressourcen und Ideen, um auch einer größeren Zahl von Neuankömmlingen einen guten Start und eine gelingende Integration zu ermöglichen. Gleichwohl nehmen wir wahr, dass sich manche Menschen vor Fremdem und Fremden fürchten. Und wir kennen die Sorgen derer, die sich für die gute Aufnahme von Menschen und ein gelingendes Miteinander mit großem Engagement einsetzen. Deswegen bieten wir als Kirchen auf allen Ebenen vielfältig Raum, dass Menschen mit unterschiedlichen Sorgen und Befürchtungen ins Gespräch kommen und gemeinsam nach guten Wegen für das Zusammenleben aller in unserem Land suchen können.

Das vollständige Positionspapier finden Sie hier.